Wie man mit Walen tanzt
Unsere Augen können in dem einförmigen, unergründlichen Blau, das uns umspült, nichts erkennen. Nur ein einziger Sinn verbindet uns mit dem Außen: das Gehör. Wir konzentrieren uns darauf und lauschen sehr aufmerksam. Die klickende Kakophonie berauscht und schärft unsere Wahrnehmung zugleich. Da hebt sich von dem fernen Konzert ein gleichbleibendes Knattern ab. Vermutlich ein junger Pottwal, der an der Oberfläche geblieben ist. Ich kann ihn nicht sehen, weil das Wasser nicht klar genug ist, aber er hat mich wahrgenommen. Mein Körper hat das Echo seiner Klickgeräusche zu ihm zurückgeworfen, so wie eine Bergschlucht auf ein Rufen mit „Hallo, Hallo, llo, ooo“ antwortet. Das Echo dient ihm
auch zur Orientierung, als er, ohne mich zu sehen, in meine Richtung schwimmt. Sein „Klick-klick-klick“ wird lauter. Dann sehe ich seinen riesigen, massigen, schwerfälligen und pottförmigen Kopf, dem er seinen Namen verdankt. Er kommt näher. Wird schnell größer, sehr schnell. Das rhythmische
Klicken beschleunigt sich, eine Maschinengewehrsalve, die ich deutlich im Brustkorb spüre. Ein junger Pottwal, acht Meter lang, fünf Tonnen schwer … und keine zehn Meter mehr entfernt. Unbeirrt setzt er seinen Weg fort, direkt auf mich zu. Ich kann nicht mehr abhauen. Gleich prallen wir zusammen.
Der enorme Kopf …
Doch Überraschung! Kein gewaltiger Aufprall. Nur ein zärtlicher, kräftiger Stups … fast als gäbe mir eine Riesenkatze einen Kopfstoß, damit ich sie streichle …
Ich weiß nicht, was ich tun soll. Und verweigere schließlich aus Respekt gegenüber dem unabhängigen, wild lebenden Tier den Kontakt, verweigere mich der Zärtlichkeit, die auch
Vereinnahmung, Unterwerfung bedeutet. Unbeholfen winde ich mich weg. Doch der junge Pottwal kommt und stupst mich noch einmal
an … vorsichtig. Er fordert den Kontakt ein. Ich entscheide nicht mehr, sondern er, das ungezähmte Tier, ergreift die Initiative. Ich gebe nach und spiele mit. Er dreht sich um sich selbst und schwimmt rücklings, mit dem Bauch in Richtung Wasseroberfläche. Ich mache es ihm nach. Er nähert sich mir auf Armlänge. Sein Auge ist winzig, eine schwarze Perle, die in einem schmalen Knopfloch sitzt, zwischen zwei kaum wahrnehmbaren Falten. Doch sein Blick ist intensiv. Prüft er mein Schwimmvermögen? Ich nehme die Herausforderung an. Jetzt kreise ich um mich selbst. Ohne zu zögern ahmt er meine Pirouette nach. Ich tue so, als würde ich nach unten
sinken, er sinkt. Ich richte mich auf, er richtet sich auf … Es folgt ein unglaublicher Tanz, den jeder für sich tanzt. Ein gewaltiges, unglaubliches, tiefes Glücksgefühl. Reines, intensives, ursprüngliches Glück. Ein Frieden, der einen mit der ganzen Welt zu verbinden scheint. Ein so überwältigendes
Glückgefühl, dass man es nicht für sich behalten kann. Man muss seinen Liebsten davon erzählen … und in diesem Moment liebt man die ganze Welt.
Dieses unermessliche Glück hat mir Eliot geschenkt.