Laute Wasser
Luise beobachtete Dora, wie sie wortlos dasaß, rauchte und mehrmals nacheinander in den Himmel hinaufblickte, an dem es nichts zu sehen gab, was nicht vorher schon da gewesen wäre.
„Hörst du’s?“, fragte sie dann.
„Was denn?“ Luise spitzte die Ohren, hörte aber nichts, nichts jedenfalls, was nicht schon vorher hörbar gewesen wäre.
„Das Wasser! Hörst du es?“ Dora schien höchst präsent. Luise horchte andächtig. „Ja, so entspannend.“ Sie ließ das mal laute, mal leise Rauschen des Wassers in allen verschiedenen Tonlagen hier vollends durch sich durchfließen und einwirken: das angenehm rhythmische Blubbern, das einem strengen Gesetz zu folgen schien, eine Taktfolge, die tönte wie ein Bass, ein Subwoofer tief drinnen im Bauch. Ein Crescendo und Decrescendo, ein Allegro, leise und wendig sich schlängelnde Wellen, die ans Innere ihrer Körperwand stießen. Sanfte Berührungen, ihre Organe auswölbend, rollte das gurgelnde Wasser durch ihre Blutgefäße und strömte von Kopf bis Fuß hindurch. In alle Zellen hinein floss das Plätschern und Murmeln in ihr, erfrischend hell, in immer neuen Höhenlagen säuberte es das Gehirn, rann summend zufrieden in Bächlein ineinander, hielt unvermittelt an, drängte in milden vor- und rückwärtsschwappenden Bewegungen und nahm sanft kullernd alles mit, was ihm Widerstand bot. Luise war es mittlerweile egal, ob es ihr Körper war oder das Geräusch des klingenden Wassers in diesem lebendig funkelnden Lichterglanz. Durch jede ihrer Poren floss es hinein und hinaus, gurrte und gluckste es. Es war völlig mühelos und doch gründlich. Es war porentief und frei. Dora hingegen war beschäftigt damit, das düster-trockene Vibrieren loszuwerden, das sie seit dem Blick in die Quellöffnung belästigte. Anstatt des Schwebens und Aufgelöstseins ihrer Schwester nahm sie ein Rauschen wie aus einem Abfluss heraus wahr, eine aus unseligen Räumen hervorquellende Kraft, blechern, aufdringlich und schwer. Mit ihren Zeigefingern verschloss sie links und rechts ihre Ohren, knetete ihr Hörorgan, indem sie am Gehörgang rieb und ihr Unterkiefer hin- und herschob. Nichts zu machen.