Das Rätsel des Kreuzbuben
„Nun?“ „Was, nun?“, erwiderte Fock begriffsstutzig, weil er nicht wusste, was er daraufhin sagen oder tun sollte. „Wo ist er denn?“ „Wer?“, konnte Fock sich nicht verkneifen zu fragen, obwohl er durchaus begriff, um wen es ging. Verständlicherweise war die Nachricht vom Tod Breverns schon über die Grenzen von Sagadi hinausgelangt und da er wusste, wie schnell Gerüchte sich hierzulande verbreiten, wunderte Fock das auch nicht.
„Der alte Brevern, wer denn sonst?“, gab Juliana nachlässig zurück. „Ich war gerade auf dem Weg zum Hafen nach Vergi, als ich dachte, dass ich hier kurz vorbeischauen könnte, wenn ich schon mal in der Gegend bin.“ Fock hielt das für einen klaren Vorwand. Die Exklave Vergi mit dem dort liegenden Hafen wurde zwar gemeinschaftlich von Annikvere und Vihula genutzt und der Weg dorthin führte nur über die Ländereien von Sagadi, aber dass die junge Dame gerade jetzt dort etwas zu tun hätte, wollte er nicht recht glauben. „Dort unten im Keller, mausetot. Vergiftet“, sagte Sternberg nachlässig, während er sich seine nächste Pfeife stopfte.
Das war genug, um die Unternehmungslust des übereifrigen Fräuleins von Nottbeck weiter zu stimulieren. Ihre kleinen braunen Augen funkelten noch stärker als sonst. „Vergiftet? Welch Glücklicher hat sich dieser Sache angenommen?“ Das war eher eine rhetorische Frage.
„Komm, gehen wir, zeig ihn mir!“, verlangte sie und zerrte Fock am Ärmel. Dieses Verhalten ging nun wirklich zu weit. Es war kein Geheimnis, dass Juliana von Nottbeck als eine sehr schöne Frau auch bei der Landbevölkerung in hohem Ansehen stand, sogar die Bauern der Nachbargüter begegneten ihr mit einer seltsamen Ehrfurcht. Aber dass eine Frau ihn jetzt hier vor den Augen seiner Arbeiter herumkommandierte! Ihn, den Gutsherrn von Sagadi, einen hochgeschätzten Baron?! Das ging überhaupt nicht. Zumal man sehen konnte, dass das Verhalten der Frau bei den Leuten zu gehörigem Getuschel führte. Fock befreite mit einer schnellen Bewegung seinen Arm und sagte in die Ferne schauend: „Warum sollte ich dir eine Leiche zeigen? Solche Dinge sind nichts für junge Adelsdamen. Und außerdem: Woher soll ich wissen, dass du ihn nicht selbst ins Jenseits befördert hast?“
Juliana gab daraufhin nur einen verächtlichen Ton von sich. „Gehen wir!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zur Kellertür. Fock konnte sie nicht zurückhalten und folgte ihr. Als er unten eintraf, beugte sie sich schon über den Leichnam und betrachtete den Toten. Fock blieb etwas abseits vom Sarg stehen, er wollte seine Hand nicht dadurch besudeln, Breverns Leiche zu berühren. Die junge Frau schien der im Sarg Liegende nicht zu stören. Sie ließ ihre Finger durch das Haar des Toten gleiten, hob seine Augenlider an, schaute lange in die leblosen Augen des Toten und öffnete am Ende sogar seinen Mund, um den von dort kommenden Geruch zu erschnuppern.
„Sternberg hat recht, vergiftet. Scheint ein Pflanzengift zu sein.“ „Tollkirsche“, konnte Fock daraufhin nur sagen. Die junge Frau beugte sich noch einmal über den Leichnam und verharrte für einen Moment in Gedanken. „Gut möglich. Dem Gesicht nach zu urteilen sieht es jedenfalls so aus.“ Fock musste zugeben, dass sie keineswegs dumm war. Das hatte er schon vorher gewusst, aber das Wissen, das sie sich während ihrer Abenteuer in Europa angeeignet hatte, schien umfassender zu sein, als er angenommen hatte. Juliana von Nottbeck trat einen Schritt zurück und betrachtete den Leichnam lange. „Ich muss zugeben, dass Brevern tatsächlich ein Mann mit einem hübschen Gesicht war. Selbst in dieser Lage, wie er hier jetzt ruht.“
Fock starrte sie verwundert an. Manchmal waren Frauen für ihn eine sehr rätselhafte Angelegenheit.