ERBSCHULD
Kapitel 1 - Südafrika, irgendwann im Januar
Das ausgewählte Ehepaar passte perfekt für seinen Plan. Ihr Auftreten und Aussehen waren durchschnittlich und unauffällig, ihr Tagesablauf immer gleich. Doch das Beste war, dass sie beide kein Handy besaßen.
Jeden Morgen standen die beiden pünktlich um die gleiche Zeit auf, saßen für fünfzehn Minuten auf dem Balkon und absolvierten dann innerhalb von zwanzig Minuten ihre Morgenroutine. Punkt sieben Uhr betraten sie den Frühstücksraum und um sieben Uhr fünfundvierzig machten sie sich zurück auf den Weg zu ihrem Zimmer, egal, in welchem Hotel sie gerade waren. Dann benutzte zuerst der Mann für etwa zehn Minuten das Badezimmer, danach die Frau. Zuverlässig nach einer halben Stunde brachen sie danach zu ihren Tagesaktivitäten auf. Wenn die beiden aus-checken mussten, da sie die nächste Nacht in einem anderen Hotel verbringen würden, verließ der Mann nach seinem Toilettengang den Raum, ging zum Parkplatz, fuhr seinen Mietwagen so weit wie möglich zum Hotelzimmer und verstaute die Koffer im Mietwagen. Danach checkte er an der Rezeption aus, ging zum Zimmer und klopfte an der Zimmertür. Die Frau öffnete die Tür, ohne zu fragen wer da sei. Nach weiteren zehn Minuten verließen beide mit ihrem Handgepäck die Räumlichkeiten, zogen ein allerletztes Mal die Hotelzimmertür hinter sich zu und traten in ihrem Mietwagen die nächste Etappe der Reise an.
Dieser dicke, ältere Österreicher sah sich selbst als Kavalier. Es war leicht gewesen, ihn auf dem Weg von der Rezeption zurück zu seinem Zimmer ein wenig aufzuhalten: Eine attraktive Frau, die verzweifelt und hilflos mit schlecht gepackten Koffern haderte - dafür unterbrach er sogar seinen strikten Tagesablauf. Die Ehefrau aber öffnete, wie immer, ohne zu fragen die Tür, als er exakt zwanzig Minuten, nachdem ihr Ehemann das Zimmer verlassen hatte, klopfte.
Alles weitere war ein Kinderspiel gewesen. Es war wenig los im Hotel und zwei Mann reichten aus, um das Zimmermädchen und die wenigen übrigen Gäste abzulenken, während er und seine Kollegin flink den Kofferraum des Mietwagens leerräumten und wenig später die beiden Körper darin verstauten. Nichts an diesem Ehepaar war auffällig gewesen, niemand würde bemerken, dass sie ihren Mietwagen nicht mehr selbst vom Hotelgelände fuhren.
Der nächste Schritt war von Personalaufwand und Logistik her ein wenig aufwändiger. Er und seine Kollegin fuhren den Wagen mit den Leichen durch das Numbi-Gate in den Kruger Nationalpark. Die weiteren Autos fuhren durch die beiden anderen Gates. Obwohl Kennzeichen und Fahrer immer von den Parkrangern registriert wurden, würde niemand einen Zusammenhang zwischen diesen Autos herstellen können.
Bereits vor Tagen hatten seine Kollegen im Park die Stelle ausgemacht, an der die beiden Körper am besten spurlos zu beseitigen waren. Der Platz am Fluss, für den sie sich entschieden hatten, war vom Parkplatz aus nicht zu sehen. Die große Felsplatte, die den Krokodilen als Sonnenbank diente, war durch Büsche verdeckt. Während die beiden Kollegen an der Straße Wache hielten, machte er sich an den weitaus gefährlichsten Teil des gesamten Plans: er und seine Komplizin fuhren den Wagen näher an die Krokodile heran, hoben die beiden Leichen aus dem Kofferraum und legten sie den Tieren hinter einem Gebüsch zum Fraß vor. Alles verlief ohne Zwischenfall, lediglich zwei Paviane kreischten und einige Marabus verrenkten sich neugierig die Hälse.
Was nun noch getan werden musste, war für ihn reine Routine. Zufrieden verließ er den Park durch das Malelane-Gate, um mit seiner Kollegin sein nächstes Ziel anzusteuern.