Am Klondike Trail
Prolog
Grosse Seen, Vereinigte Staaten, 1868
Der Mann schritt nun schneller aus. Die Straße war nur spärlich beleuchtet, einzig der fahle Schein der wenigen Laternen erhellte die nächtliche Szenerie. Nervös blickte er zurück – hatte er ihn etwa abgeschüttelt? Nein, keine zwanzig Schritte hinter sich sah er, wie sich ein Schatten aus der Seitenstraße näherte. Gespenstisch langsam glitt er an der gegenüberliegenden Häuserfront empor, bis er zu fast riesenhafter Form angewachsen war. Der Mann, der den Schatten warf, würde also jeden Moment um die Ecke kommen – und dann wäre er geliefert. Es war ihm trotz aller Schliche nicht gelungen, den Kerl loszuwerden. Hier, auf offener Straße konnte er keinesfalls bleiben, denn hier bot er ein hervorragendes Ziel. Er war sich sicher, dass der Mann hinter ihm nicht eine Sekunde zögern würde, ihn wie einen räudigen Hund abzuknallen. Schnell bog er in eine kleine Gasse ab und versuchte, seine schlanke Gestalt in einem dunklen Hauseingang zu verbergen. Lange musste er nicht warten, da hörte er auch schon Schritte, der Mann kam näher. Jetzt konnte er ihn sehen – kein Zweifel, es war Treskow, dieser verdammte Detektiv! In der rechten Hand hielt er die schussbereite Pistole, in der anderen eine Laterne, mit der er die Straße sorgsam ableuchtete.
„Zounds!“, zischte der Mann im Schatten, doch so leise, dass der andere ihn nicht hören konnte. Aber wenn der weiter in dieser Richtung fortschritt, würde er ihn unweigerlich entdecken. Er tastete vorsichtig nach dem Türgriff – verschlossen! Nur noch wenige Schritte und es wäre aus mit ihm. Seine Gedanken rasten, es musste doch einen Ausweg geben? Schließlich fiel ihm die Patrone ein, die er immer als eiserne Reserve bei sich trug. Hastig kramte er in seiner Hosentasche danach.
,Hattest ein verdammtes Glück, dass du mich auf dem Boot überrascht hast, Treskow‘, dachte er im Stillen. Tatsächlich waren die beiden Männer durch einen unglücklichen Zufall auf genau demselben Schiff zusammengetroffen, das beide in unterschiedlicher Mission über den See bringen sollte. Wie Tres-kow ihn so schnell hatte erkennen können, blieb ihm ein Rätsel. Er selbst hätte nie damit gerechnet, den Deutschen jemals wiederzusehen. Der hatte ihm sofort die Waffe abgenommen und hätte ihn wohl auch in Ketten legen lassen, wäre er nicht so geistesgegenwärtig gewesen und über die Reling auf das kleine Beiboot gesprungen. Mit einigen kräftigen Ruderschlägen war er außer Schussweite gewesen und hatte den Kai erreicht, bevor das große Schiff am Anlegeplatz angekommen war. Das Dunkel der anbrechenden Nacht hatte ihm geholfen, als er rasch in den Straßen der Stadt untergetaucht war. Doch nicht rasch genug, wie es schien.
Schon trennten ihn nur noch zwei Schritte von dem Deutschen. Da nahm er sich ein Herz und warf die Patrone über Treskow hinweg zurück Richtung Straße. Als dieser sich wie auf Kommando umdrehte, huschte er aus seinem Versteck und zog sich rasch weiter in die Dunkelheit der Gasse zurück. Diese war völlig unbeleuchtet, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Mühsam tastete er sich vorwärts.
Das hatte er nun von seiner Ehrlichkeit! Denn, wenn er es sich recht bedachte, hätte er auch einfach abhauen können, nach Kalifornien oder zurück in den Süden. Mit dem Geld in seiner Tasche wäre er problemlos irgendwohin gekommen, wo ihn niemand kannte, hätte neu anfangen können. Doch leider war das da in dem Beutel nicht sein Geld, und trotz seiner verbrecherischen Vergangenheit hatte er noch soviel Anstand, einem Kameraden einen letzten Gefallen zu tun. Nur zu dumm, dass ihn dieser Gefallen genau hierher, an den Eriesee geführt hatte, und damit in die Arme des Detektivs! Und dennoch, er würde das Versprechen einlösen, dass er dem Boss gegeben hatte, selbst wenn er dabei draufgehen
sollte!